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Gladbeck - „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens“ – Diesen Satz haben wir früher nicht gerne gehört, verhieß er doch irgendwie nichts Gutes, ohne dass man genau wusste, wer oder was der „Ernst“ denn nun sein soll. Erst darf man sich den Tornister aussuchen, bekommt Etui, Stifte und Hefte, dazu die prall gefüllte Schultüte.
Wo ist das denn weniger spaßig als die lässige Kindergartenzeit?
Nun ja, im Grunde stellt sich dann schnell heraus, dass diese Utensilien die Kinder vermutlich nur ablenken sollen von der neuen Verantwortung, die auf sie zukommt: Der Schulweg wurde mit den Eltern eingeübt, damit man ihn als I-Männchen ab sofort eigenverantwortlich gehen kann, von morgens bis mittags muss man sich an einen festgelegten Stundenplan halten und sich zu Hause auch noch darum kümmern, dass die Hausaufgaben für den nächsten Tag erledigt werden. Inzwischen bleibt es nicht dabei, die Zeit, die Grundschüler schon in der Schule verbringen, dehnt sich immer weiter aus. In Zeiten von zwei berufstätigen Elternteilen, OGS und G8 weht bereits für Erstklässler ein neuer Wind. Der Stundenplan hat längst über die Schule hinaus Einzug in den Alltag der Kinder erhalten.
Das bedeutet aber auch, dass Eltern ihre Kinder überall hinfahren, um die wenige Zeit effektiv zu nutzen. In einer Studie des Geographischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum (RUB) in Kooperation mit dem Policy Studies Institute (PSI) der Universität Westminster wollen Wissenschaftler herausfinden, wie sich die Mobilität von Kindern in den vergangenen Jahren verändert hat. Seit 1970 sinkt diese nämlich stetig. „Generell kommen heute weniger Kinder zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule als noch vor zwanzig Jahren“, heißt es von Seiten der Forscher Dr. Andreas Redecker und Björn Frauendienst von der Ruhr-Universität.
Außerdem werden immer mehr Kinder beim Schulweg von Erwachsenen begleitet, was auf dem ersten Blick sicherer erscheint, auf dem zweiten aber auch negative Folgen haben kann, so Björn Frauendienst: „Die reduzierte Selbstständigkeit der Kinder steht allerdings auch im Zusammenhang mit einer schlechteren physischen Konstitution, mangelnder Raumkenntnis und dem Fehlen von realen Übungsmöglichkeiten, wie sich Kinder sicher im Verkehr verhalten sollen.“ Die alleinige Verantwortung für den Schulweg hat also pädagogisch gesehen ihren Sinn, wenn der Schulweg von der Strecke her auch zu leisten ist.
Seit dem 8. September sind über 750 Erstklässler auf den Straßen in Gladbeck unterwegs. Damit die jungen Verkehrsteilnehmer auch sicher zur Schule und wieder zurück kommen und Schulwegunfälle vermieden werden, ruft die Verkehrswacht mit zahlreichen Aktionen, Spannbändern, Plakaten, Elterninformationen, Aufklebern und Schulwegbegleitern die erwachsenen Verkehrsteilnehmer zu erhöhter Rücksichtnahme auf. Unter dem Slogan „Brems Dich! Schule hat begonnen“ werden diese Aktionen von Bürgermeister Ulrich Roland unterstützt. Ulrich Roland appelliert an die erwachsenen Verkehrsteilnehmer, in den kommenden Wochen besonders vorsichtig unterwegs zu sein: „Bitte Fahren Sie an Schulen oder dort, wo Kinder unterwegs sind, besonders aufmerksam.
Seien Sie immer bremsbereit! Denn Kinder können den Straßenverkehr und seine Gefahren noch nicht wie Erwachsene verstehen!“
Die Interessensschwerpunkte und Handlungsimpulse von Kindern sind andere als die von Erwachsenen. Sie sind leicht abzulenken, verhalten sich impulsiv und spontan. Sie überhören laute Fahrgeräusche, Hupen, Klingeln oder Rufen. Sie können sich noch nicht in die Perspektive anderer Verkehrsteilnehmer versetzen. Ob, wie und wann sie von anderen Verkehrsteilnehmern gesehen werden, wissen sie oft nicht. Bewegungsabläufe richtig abzuschätzen und Geräuschquellen sicher zu orten und zu bewerten, fällt ihnen schwer. Aus all diesen Gründen sind Kinder in hohem Maße gefährdet, wenn sich Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer nicht darauf einstellen. Daher bitten Bürgermeister Roland und die Verkehrswacht: „Fahren Sie bitte vorsichtig. Jeder Unfall eines Kindes im Straßenverkehr ist ein Unfall zuviel!“
Auch das Kinderschutzprojekt Notinseln setzt sich für einen sicheren Schulweg ein. Mittlerweile sind im Stadtgebiet 120 so genannter Notinseln eingerichtet. Kindern haben hier einen Zufluchtsort, wenn sie bedroht werden, Angst haben oder sich verletzt haben und Hilfe brauchen. Zu erkennen sind die Notinseln an den Zeichen, die gut sichtbar an den Türen und Fenstern der beteiligten Geschäfte und Institutionen angebracht sind. Zum Schulstart hat sich der Arbeitskreis Notinseln nun noch etwas Besonderes überlegt und hat allen Kindern den Schulwegplaner geschenkt. „Der Schulwegplaner möchte Lehrern und Eltern eine Arbeitshilfe anbieten, damit sich die Schüler spielerisch mit ihrem Schulweg auseinander setzen“, sagt Projektleiterin Kerstin Franzke. gk / js