Ein Platz für alle!

Im kommenden Jahr sollen alle Kinder unter drei Jahren einen Anspruch auf einen Betreuungsplatz haben - Wir haben uns die aktuelle Betreuungssituation angesehen

Der kleine Leon fühlt sich in seinem „zweiten Zuhause“ pudelwohl. Eifrig krabbelt er durch die Räume und erkundet vor allem das bunte Spielzimmer. Seit Februar kommt Leon jeden Morgen zu seiner Tagesmutter Rebecca Ohlemann. Denn Leons Mutter geht noch zur Schule und möchte ihren Abschluss machen.  Für ihren kleinen, elf Monate alten Sohn suchte sie für diese Zeit eine Betreuung und wurde durch den Sozialdienst Katholische Frauen (SKF) auf die Möglichkeit einer Tagesmutter hingewiesen.
 

„Viele Eltern wissen gar nicht, dass es die Möglichkeit gibt, ihr Kind von einer Tagesmutter betreuen zu lassen“, sagt Rebecca Ohlemann. Die Kirchhellenerin ist seit Anfang des Jahres zertifizierte Tagespflegerin.

Gemeinsam mit Melanie Strunk hat sich die 29-Jährige beim SKF zur Tagesmutter ausbilden lassen. Das bedeutete für die beiden Mütter 180 Stunden Schulung und zusätzlich ein Praktikum bei einer Tagesmutter. Über Rechte und Pflichten wurden die beiden Tagesmütter aufgeklärt und über Hygienevorschriften, zudem absolvierten sie einen Erste-Hilfe-Kurs. „Wir wollen nun auch gemeinsam die Betreuung anbieten“, sagt Rebecca Ohlemann. Dazu wurde in ihrer Wohnung ein Extra-Spielzimmer eingerichtet. Vier bis fünf Kinder könnten hier ganz individuell betreut werden. „Wir möchten damit gerade berufstätigen Müttern die Möglichkeit bieten, weiterhin ihrer Arbeit nachzugehen und ihr Kind trotzdem gut versorgt zu wissen“, sagt Melanie Strunk.

Zwar stünde laut Gesetz im kommenden Jahr allen Kindern unter drei Jahren ein Kindergartenplatz zu, aber die Realität sieht leider anders aus. Schon im vergangenen Kindergartenjahr hatten die Träger Schwierigkeiten, allen Kindern über drei Jahren einen Platz zu ermöglichen. „Im Dezember 2011 ist daher Martin Notthoff, damals noch Leiter des Jungendamtes, an uns herangetreten und hat gefragt, ob wir nicht die Möglichkeit sehen, eine fünfte Gruppe bei uns einzurichten“, sagt Ursula Damm, Leiterin im DRK-Kindergarten am Wienkamp. Nun baut das DRK den Dachboden des Kindergartens aus, um hier einer weiteren Kindergartengruppe Platz zu bieten und so die Betreuung der Dreijährigen sicherzustellen. „Die Gruppe soll zunächst einmal für drei bis vier Jahre eingerichtet werden“, sagt Ursula Damm.
 

Ein ähnliches Platzproblem gab es vor einigen Jahren im Integrativen Familienzentrum St. Johannes. Hier werden seit fünf Jahren auch U3 Kinder (Kinder unter drei Jahren) betreut. „Um die Betreuung gewährleisten zu können, waren erst einmal Umbaumaßnahmen nötig, damit wir die Auflagen erfüllen konnten“, sagt Leiterin Anne Tiemann. Unter anderem sind Schlafräume für die Kinder gefordert, ein entsprechender Wickelraum muss zudem vorhanden sein und natürlich ist auch mehr Personal notwendig. Mittlerweile werden in dem Familienzentrum acht U3-Kinder betreut. „In einer 20 Kinder starken Gruppe dürfen höchstens sechs U3 Kinder betreut werden“, sagt Anne Tiemann, „Anfangs hatten wir mächtig Respekt vor dieser Aufgabe, aber nun möchten wir die „Kleinen“ nicht mehr missen. Es ist eben doch eine besondere Beziehung, die sich da im Laufe der Jahre aufbaut.“ Acht der U3-Plätze sind belegt, die übrigen vier wurden für Ü3-Kinder genutzt. „Es ist leider so, dass wir jedes Jahr Eltern abweisen müssen, weil wir keinen Platz mehr haben.“ Zu den Anmeldekriterien zählt unter anderem das Alter der Kinder. Aber auch, ob sie schon Geschwisterkinder im gleichen Kindergarten haben, spielt dabei eine Rolle. Hinzu kommt die Frage nach dem sozialen Härtefall.

„Wir als Kindergartenleiterinnen treffen uns regelmäßig, um zu schauen, wo Betreuungsbedarf ist“, sagt Ursula Damm vom DRK Kindergarten. Was es heißt, nicht nur Kinder unter drei Jahren, sondern wirklich die ganz Kleinen im Kindergarten zu betreuen, das weiß Marion Arlt, Leiterin der evangelischen Kindertageseinrichtung an der Gartenstraße. Ihre Einrichtung bietet die Gruppenform U2 an. Kinder ab dem vierten Monat können hier betreut werden. „Die meisten Kinder sind aber über ein Jahr alt“, sagt Marion Arlt. In dem 68 Quadratmeter großen Anbau werden derzeit 10 Kinder betreut. Hier finden sie Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten sowie einen Schlafraum, in dem die Kinder zur Ruhe kommen können.

„Klar, dass der Tagesablauf der Kleinen ganz anders ist, als der von unseren älteren Kindern“, sagt Marion Arlt. Allein der Bezug zu den Erzieherinnen sei viel intensiver. „Trotzdem müssen wir immer wieder betonen, dass wir die Familie nur ergänzen, nicht aber ersetzen können.“ Mit der Eingewöhnungszeit wird daher sehr behutsam umgegangen. „Die Eltern oder Großeltern sind oft Wochen lang hier vor Ort, damit sich das Kind langsam an die Erzieherinnen gewöhnen kann.“ Vor allem das Wickeln sei eine intime Angelegenheit, bei der viele Kinder erst Zeit brauchen, bis sie vertrauen zu den Erzieherinnen gefasst hätten und auch der Mittagsschlaf klappt nicht von Anfang an. „Wenn die Kinder dann aber Vertrauen gefasst haben, dann kommen sie gerne und die meisten von Ihnen gehen ja dann auch in unsere anderen Gruppen und sind damit eine lange Zeit hier im Kindergarten, was das gemeinsame Erlebnis natürlich sehr intensiv macht.“
 

Leon hat sich schnell an die neue Situation und an seine Tagesmutter gewöhnt. „Natürlich haben wir hier ganz andere Möglichkeiten auf die Kinder einzugehen, als in einer großen Gruppe.“ So können die Eltern mitteilen, welche Rituale ihr Kind hat, was es gerne isst und wann der Mittagsschlaf gemacht werden soll. Zudem gibt es zu Beginn so genannte Gewöhnungstage, an denen die Kinder erst einmal stundenweise und zusammen mit der Mutter bei Rebecca Ohlemann und Melanie Strunk bleiben. Bei Leon war das kein Problem. Schnell hat sich der Kleine an das neue Umfeld gewöhnt und Rebecca Ohlemann geht ganz natürlich mit ihm um. „Mich leitet das Gefühl, ich bin durch mein eigenes Kind geschult und sensibilisiert“, sagt Rebecca Ohlemann.

Die beiden Tagesmütter würden sich natürlich über weitere Kinder zur Betreuung freuen. Zu erreichen sind sie unter der Telefonnummer (02045) 468377. „Auch für Leon wäre es schön, wenn er noch Spielkameraden dazu bekäme.“ Übrigens, der SFK kann jederzeit unangemeldet bei den Tagesmüttern zur Kontrolle vorbeischauen. „Zudem mussten wir ein Gesundheitszeugnis sowie ein Führungszeugnis vorlegen.“ Die Kosten für eine Tagesmutter liegen unter dem Kindergartenbeitrag und werden bemessen nach der Betreuungszeit und dem Einkommen der Eltern. Es wird sich zeigen, wie sich die Betreuungssituation im kommenden Jahr entwickelt. Die Kindergartenleiterinnen sind jedenfalls darauf bedacht, jedem Kind die besten Möglichkeiten zu bieten. Inwieweit der Bedarf aber wirklich gedeckt werden kann, bleibt fraglich. Dadurch, dass Kirchhellen derzeit ein beliebtes Zuzugsgebiet ist, steigt die Zahl der Kinder momentan an und das wohl auch in den kommenden Jahren. Ob sich allerdings der Bau einer weiteren Einrichtung lohnen würde, das sei dahingestellt, denn ob auch in zehn Jahren noch so viele Kinder nachrücken, kann niemand absehen. Ansonsten sind Tagesmütter wie Rebecca Ohlemann und Melanie Strunk nicht nur eine Alternative zur Kindergartenbetreuung, sondern eine wirkliche Option, die man überdenken sollte. gk

 

Ein Klaviergarten für die Kleinen

Die Aufgaben eines Kindergartens haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Deswegen heißt er auch eigentlich gar nicht mehr Kindergarten, sondern Kindertageseinrichtung. Schließlich bleibt ein Großteil der Kleinen mehr als sieben Stunden in der Einrichtung.

Im Evangelischen Kindergarten an der Gartenstraße sind zurzeit 81 Kinder im Alter zwischen ein und sechs Jahren. „Wir haben vier Gruppen, eine davon ist für die ganz Kleinen, das heißt, die unter Zweijährigen. Das war auch der Grund für den Anbau, den wir im vergangenen Jahr getätigt haben“, erklärt Marion Arlt-Elousa, Leiterin der Tageseinrichtung. Da die jüngeren Kinder noch einen Mittagsschlaf machen, brauchte man Betten und Kuschelräume für diejenigen, die sich nur ausruhen. „Wir haben eine Hauswirtschafterin, die sich um das Organisatorische in der Küche kümmert.

Das Frühstückbuffet bietet täglich ein gesundes Frühstück, das Mittagessen wird geliefert“, erklärt Marion Arlt-Elousa. Somit hat die Essensaufnahme eine große Bedeutung im Tagesablauf des Kindergartens erhalten. Aber vieles ist auch noch so wie früher. Die Kinder spielen auf dem Bauteppich und in der Puppenecke, Stuhlkreise lassen Raum für Gruppengespräche und der große Außenbereich lädt zum Toben und Spielen ein. Das Leben in einer Kindertageseinrichtung ist im ständigen Wandel und doch so wichtig für die Entwicklung eines Kindes, denn hier lernen Kinder vor allem soziale Kompetenz, finden Gleichaltrige, Jüngere und Ältere, mit denen sie spielen - und auch streiten können. Die Kleinen lernen Vertrauen zu anderen, zunächst fremden Kindern und Erwachsenen aufzubauen und mit anderen zusammenzuleben. gj

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