Konzentration auf das Wesentliche

Im Ikebana-Kurs an der VHS in Gladbeck praktizieren die Teilnehmer die japanische Blumenkunst und finden dabei einen kreativen Ausgleich zum stressigen Alltag

Gladbeck - „Der Weg ist das Ziel“, sagt Renate Becker und steckt die zurechtgestutzte Pfingstrose vorsichtig zwischen zwei Bambushölzer. „Manchmal muss man verschiedene Varianten ausprobieren, bevor man die richtige findet.“ Mit viel Geduld und einer gehörigen Portion Kreativität arrangiert die Ikebana-Lehrerin ein kleines Kunstwerk mit großer Wirkung. Dabei spielt der dekorative Aspekt hier nur eine Nebenrolle: bei der japanischen Blumenkunst steht nämlich der Schöpfungsprozess im Vordergrund. Wie das funktioniert, zeigt Becker in ihren Ikebana-Kursen, die regelmäßig an der Gladbecker Volkshochschule stattfinden.
 

Bereits im sechsten Jahrhundert entstand Ikebana aus einem Brauch chinesischer Mönche, die Buddha heruntergefallene Blüten als Opfer darbrachten. Durch den Buddhismus kam die Kunst nach Japan und entwickelte sich zu der uns bekannten Form. „Damals handelte es sich um eine reine Männertradition. Außerdem durfte nur die Oberschicht, zu der Priester und Samurai zählten, Ikebana ausüben“, erklärt Renate Becker. Sie zogen sich zur Entspannung in die Berge zurück, um durch das Arrangieren der Blumen Ruhe und Gelassenheit zu erlangen. Erst als sich Japan in der Zeit der Meiji-Ära westlichen Einflüssen öffnete, verbreitete sich Ikebana rasch im ganzen Land. Heute gibt es rund 3.000 Ikebana-Schulen, die unterschiedliche Stilrichtungen lehren.„Das japanische Wort Ikebana heißt übersetzt so viel wie ‚Blume zum Leben erwecken‘“, erklärt Becker, die nach den Regeln der Sogetsu-Schule lehrt. „Genutzt werden in der Regel nur natürliche Materialien, die unsere Kursteilnehmer im eigenen Garten oder bei Spaziergängen in der Natur finden.“ Wer Ikebana praktiziert, geht deshalb mit anderen Augen durch die Natur. „Sogar ein abgebrochener Ast kann sich als Material eignen.“ So vermittelt Ikebana ein neues Gefühl für die Natur und betont die Schönheit aller Pflanzen.

Überflüssiges weglassen

Dass aus wenigen Ästen, Blättern und Blüten prachtvolle Blumengestecke entstehen können, ist für den Laien zunächst nur schwer vorstellbar. Beim Ikebana scheint weniger aber mehr zu sein. „Ziel ist es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren“, sagt Renate Becker, die bereits seit mehr als zehn Jahren in der VHS unterrichtet. „Man muss lernen Überflüssiges wegzulassen.“ Und genau daran müssen sich die meisten Teilnehmer erst einmal gewöhnen. „Das Reduzieren finde ich sehr schwierig. Im ersten Moment traut man sich oft gar nicht, den Großteil der Blüten oder Blätter abzuschneiden“, verrät Kursteilnehmerin Ulrike Turek, die seit vier Semestern am Ikebana-Seminar teilnimmt. „Es ist immer noch recht schwierig. Man glaubt gar nicht, wie viel Wissen und Handwerk dahinter steckt.“ Iris Sauerwald kommt sogar aus Dorsten zum Gladbecker Ikebana-Kurs: „Ich habe es vor 30 Jahren schon einmal versucht und wollte nun wieder damit anfangen.“ Ihr großes Interesse an Asien habe sie erneut zum Ikebana gebracht. „Es macht sehr viel Spaß mit dieser tollen Gruppe. Ich finde es aber auch faszinierend, dass man aus so wenig Material so viel machen kann.“
 

Damit die Gestecke auch gelingen, stehen verschiedene Werkzeuge wie das kleine Stachelbett – „Kenzan“ genannt – in dem die Pflanzen festgesteckt werden können, oder die Ikebana-Schere zur Verfügung. So wird an jedem Dienstagabend in der VHS gezupft, geschnitten, gesteckt und geformt. Obwohl die Kursleiterin stets ein Thema vorgibt, entstehen hier ganz unterschiedliche Werke in allen Formen und Farben, je nach Stimmung des jeweiligen Schülers. „Beim Arrangieren muss man Geduld aufbringen und sich voll und ganz auf die Materialien konzentrieren. Auf diese Weise kann man nach einer stressigen Woche wieder zu sich selbst finden“, fährt Becker fort. Letztendlich ist Ikebana nämlich eine Form der Meditation. Für viele stellt das wöchentliche Treffen einen Ruhepol dar, der einen Ausgleich zum stressigen Alltag schafft. „Vielen Menschen fehlt dieser Ruhepol in der schnelllebigen Welt von heute.“

Himmel, Mensch und Erde

Da Ikebana die Natur und die kosmische Ordnung darstellt, müssen aber auch Regeln eingehalten werden. „Deshalb werden beim Arrangieren der Pflanzen die drei Hauptlinien Himmel (Shin), Mensch (Soe) und Erde (Hikae) hervorgehoben“, erklärt die Lehrerin. Diese Linien werden durch Pflanzen symbolisiert und in einem vorgeschriebenen Neigungswinkel angeordnet. „Besonders wichtig ist, dass keine Symmetrie vorhanden ist.“ Schließlich wachsen Pflanzen in der Natur auch niemals symmetrisch. „Brav wollen wir nicht sein“, erzählt die 69-Jährige mit einem Augenzwinkern.

Von langer Dauer ist die Schönheit der Arrangements allerdings nicht. „Meistens schafft das Gesteck nicht einmal den Weg zum Auto“, verrät Ulrike Turek. Nach wenigen Tagen verwelken die Pflanzen aber ohnehin. „Beim Ikebana geht es schließlich auch darum, dass man lernt, loszulassen. Das kann man sehr gut auf das Leben übertragen“, erklärt die Kursleiterin. „Ich bin selbst als junge Frau auf Ikebana aufmerksam geworden. Wegen meiner großen Liebe zur Kunst und zur Natur war ich sofort fasziniert.“ Schließlich ließ sie sich zur Ikebana-Lehrerin ausbilden. Heute zeigt sie ihrer VHS-Gruppe, wie es richtig funktioniert und hält sich dabei an den Sogetsu-Leitsatz: Ikebana zu jeder Zeit, an jedem Ort und mit jeglichem Material. „Es gibt zwar bestimmte Regeln, aber man kann in jedem Schalen- und Vasenarrangement die individuelle Handschrift der Künstlerin erkennen.“ jh

Zitat: „Ikebana bedeutet so viel wie: Blume zum Leben erwecken.“

Zurück