Schermbeck - „Loser, Flasche, Opfer!“ Im Chor rufen die Schüler diese Beschimpfungen lautstark in der Aula der Gesamtschule. Etwa 150 Schüler sitzen hier und man hat den Eindruck, alle machen mit, lassen sich mitreißen von denen, die am lautesten rufen. Gerichtet sind die Schimpfwörter an Marco, der auf der Bühne steht. Er ist eine Figur in einem Theaterstück, das heute in der Gesamtschule aufgeführt wird. Und zum Glück ist dieses Szenario nicht real, sondern wurde von dem Verlauf des Stückes hervorgerufen, bei dem die Schüler interaktiv miteinbezogen werden.
Im Rahmen der schulischen Präventionsarbeit wurde das Theaterstück „Klick & Kill“ der Gruppe „bühnengold“ nach Schermbeck geholt. Das Jugendzentrum YOU der evangelischen Kirchengemeinde Schermbeck organisierte die Aufführung gemeinsam mit dem Kreisjugendamt Wesel für den kompletten siebten Jahrgang der Gesamtschule. Außerdem übernahm das Kreisjugendamt die Kosten für die Aufführung.
Die Stücke von „bühnengold“ richten sich an Schulen und orientieren sich an aktuellen und gefragten Themen wie dem Thema Cybermobbing, um das es in diesem Stück geht. Nicht zum ersten Mal ist „bühnengold“ zu Gast in Schermbeck. Auch das Stück „Saufen“, in dem es um Alkoholmissbrauch geht, wurde hier bereits aufgeführt.
In dem Stück, das heute gezeigt wird, verkörpern die beiden Schauspieler Mara Luka und Mario Zuber die verliebten Teenager Sarah und Marco. Für Sarah und Marco sind Laptop und Handy allgegenwärtig. Ihre ständige Erreichbarkeit wird auf der Bühne durch vier Laptops und ihre zusätzlichen Smartphones überspitzt verdeutlicht. Das Paar chattet gerne und stellt Selfies in sozialen Netzwerken online. Als plötzlich ein freizügiges Foto mit den Worten „Danke Sarah!“ online auftaucht, ist Sarah verzweifelt und beschuldigt Marco das Bild online gestellt zu haben. Denn nur er kannte dieses Bild von ihr überhaupt. Marco beteuert seine Unschuld, aber der Streit eskaliert und schaukelt sich hoch, weil Sarah aus Rache online gemeine Gerüchte über Marco verbreitet und eine Marco-Hass-Gruppe gründet. Marco hält die Situation kaum noch aus, da er online mittlerweile von Fremden beleidigt wird und sucht Rat bei seiner Mutter. Doch die nimmt die Situation nicht ernst und sagt ihm, dass das alles wieder vorbei ginge. In einem letzten Versuch, das alles zu stoppen, schreibt Marco einen Brief an Sarah, in dem er sie bittet, das alles aufzuhalten und damit aufzuhören, ihn fertig zu machen. Doch Sarah denkt nicht daran aufzuhören, sondern beschuldigt Marco, sie vergewaltigt zu haben. Marco sieht keinen Ausweg mehr und begeht Selbstmord. Das Stück endet damit, wie Marcos Mutter von seiner Beerdigung erzählt.
Besonders wichtig ist „bühnengold“ das anschließende Gespräch mit den Schülern. Hierbei wird über das Stück und offen gebliebene Fragen gesprochen und gemeinsam mit den Schülern suchen die Schauspieler nach alternativen Möglichkeiten für Marco anstelle seines Selbstmords. Als Rat bekommen die Kinder mit auf den Weg: „Überlegt euch gut, welche Bilder ihr selbst online stellt oder verschickt!“ Denn das Drama um Marco begann, weil sein Account gehackt wurde und so Sarahs Foto online gestellt werden konnte. Auch die Frage, warum alle Schüler dabei mitgemacht haben, Marco zu beschimpfen, wird gestellt. Als Antworten kommen von den Schülern: „Weil alle mitgemacht haben!“ oder „Weil es einem nicht bewusst ist, dass man jemanden damit verletzt!“. Das Fazit lautet: Man sollte nicht bei etwas mitmachen, nur weil alle anderen es auch tun, sondern man kann sich auch an die Seite des Opfers stellen.
Schulleiter Norbert Hohmann hofft, dass durch das Stück ein Denkprozess bei den Schülern in Gang gesetzt wird und sie sich mit dem Thema auseinandersetzen. Denn Cybermobbing gibt es überall. „Eine Schule, die behauptet das gäbe es bei ihr nicht, würde lügen oder wäre blind“, sagt der Schulleiter. go